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Die Macht seelischer und sozialer Einflüsse auf körperliche Leiden wird fast immer unterschätzt. Obwohl viele dieser Zusammenhänge seit langem bekannt sind und immer wieder betont wird, dass z.B. mindestens die Hälfte aller Kranken in einer durchschnittlichen Allgemeinpraxis an psychosomatischen Erkrankungen leidet, geht dieses Wissen auch immer wieder verloren, die Patienten erleben (und werden dazu angeleitet) ihre Rückenschmerzen, ihr Rheuma, ihre Atembeschwerden oder ihre Infektanfälligkeit als „rein organisch“ oder sagen abwehrend „ich weiss schon, es ist psychosomatisch“.
In dem vorliegenden Text unterscheide ich zwischen einer Organsprache und einem Organdialekt: Wer Symptome lexikalisch „übersetzen“ will (z.B. Asthma ist „der Schrei nach der Mutter“), kann ihnen nicht gerecht werden, denn das Verständnis muss in jedem einzelnen Fall neu erarbeitet werden.Viele Krankheiten, unter denen Menschen leiden, haben ihre Ursache sowohl in der körperlichen als auch der seelischen Verfassung der Betroffenen, sind also psychosomatischer Natur. Dieser Erkenntnis konnte sich auch die Schulmedizin der jüngsten Zeit nicht mehr verschließen. Aber dennoch ist unser medizinisches Denken weit davon entfernt, den Kranken und seine Krankheit als Ganzes zu sehen und auch -- und vor allem -- auf die Psyche des kranken Menschen einzugehen. Dagegen schreibt der Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer an.
Er kritisiert den heutigen Umgang mit den Psychosomatikern, bei dem diese in Arbeitsteilung mit Medizinern eher "ein bißchen Menschlichkeit" vermitteln sollen, während die vermeintlich eigentliche Arbeit von den Schulmedizinern erledigt wird. Doch gerade deren rein naturwissenschaftliche Vorgehensweise anhand strenger Regeln sei der Fehler. Schmidbauer legt ausführlich dar, warum der seelische Zustand eines Patienten von enormer Bedeutung für sein Krankheitsbild ist. Und die psychische Verfassung läßt sich eben nur schwer anhand starrer Instrumentarien erfassen. Deshalb vollzieht Schmidbauer die Entwicklung der Psychoanalyse nach und macht auch nicht halt vor scheinbar sehr fremden Herangehensweisen an Krankheiten, etwa durch Naturvölker mit ihrem magischen Ansatz. Nicht, daß Schmidbauer den medizinischen Fortschritt zurückdrehen möchte zu diesen traditionellen Methoden, er sieht hier vielmehr einen Denkanreiz zu einem erweiterten Verständnis von Krankheit. Auch die ungewöhnlichen Ansätze des "wilden Analytikers" Georg Groddeck bezieht Schmidbauer immer wieder ein, um letztlich die "Theorie der subjektiven Krankheit" zu entwickeln. Hierin schlägt er eine am Kranken orientierte Behandlung vor, die die psychischen Elemente nicht vernachlässigt.
Schmidbauers Buch wendet sich sicherlich nicht gerade an Neueinsteiger, dazu sind seine Argumentationslinien und seine Formulierungen doch zu komplex. Jedoch hat er auch kein reines Expertenbuch geschrieben, viele Fallbeispiele erleichtern das Verständnis; und der Autor hat es vermieden, schlicht den Status quo darzulegen. Vielmehr erläutert er seine Ideen aus der historischen Entwicklung und den gesellschaftlichen Zusammenhängen heraus. --Joachim HohwielerDie Macht seelischer und sozialer Einflüsse auf körperliche Leiden wird fast immer unterschätzt. Obwohl viele dieser Zusammenhänge seit langem bekannt sind und immer wieder betont wird, dass z.B. mindestens die Hälfte aller Kranken in einer durchschnittlichen Allgemeinpraxis an psychosomatischen Erkrankungen leidet, geht dieses Wissen auch immer wieder verloren, die Patienten erleben (und werden dazu angeleitet) ihre Rückenschmerzen, ihr Rheuma, ihre Atembeschwerden oder ihre Infektanfälligkeit als „rein organisch“ oder sagen abwehrend „ich weiss schon, es ist psychosomatisch“.
In dem vorliegenden Text unterscheide ich zwischen einer Organsprache und einem Organdialekt: Wer Symptome lexikalisch „übersetzen“ will (z.B. Asthma ist „der Schrei nach der Mutter“), kann ihnen nicht gerecht werden, denn das Verständnis muss in jedem einzelnen Fall neu erarbeitet werden.